1.) Skoliose – ein Sinnbild für eine Fehlsteuerung des Körpers


Skoliose (griech. Skolios = krumm) ist eine seitliche Verschiebung der Wirbelsäule in frontaler Ebene bei gleichzeitigem Vorliegen einer Verdrehung (Rotation, Torsion) der Wirbelkörper. Diese Diagnose wird häufig erstellt, wenn es um die Erklärung von Rückenschmerzen geht. Das Verlassen des Wirbelsäulenlots tritt in vielfältigen Ausführungen auf. Unabhängig ob C- Skoliose oder S- Skoliose, ob eine dreifache Verschiebung oder eine bis zu siebenfache Verschiebung der Wirbelsäule festgestellt wird, ein Aspekt gilt für alle Skoliosen: die Skoliose erfasst die gesamte Wirbelsäule.

Die Medizin versucht schon seit geraumer Zeit Skoliosen nachhaltig zu beeinflussen. Ob nun durch ein Gipsbett, durch chiropraktische Behandlungen oder durch ein Krafttraining, das Ziel ist die Begradigung der Wirbelsäule, um die mechanische Grundlage für weitere Fehlentwicklungen zu minimieren (Fehlbelastungen an Bandscheiben, Facettengelenken und Spinalwurzeln). Doch was sind die Ursachen für solche skolioseartigen Entwicklungen der Wirbelsäule? Die orthopädische Sichtweise hat bis dato keine ausreichende Erklärung gefunden.


Bei allen mir vorliegenden Analysen siehe auch verschiedene Internetplattformen zur Beeinflussung von ideopathischen Skoliosen geht es immer um die genaue Analyse des mechanischen Ist – Zustandes und eine Manipulation von aktiven (Muskeltraining) oder passiven (bspw. Atlaskorrektur; Operation des Filum Terminale)Gewebsstrukturen.


Den aufgeführten Betrachtungen liegt der verbindende Gedanke zu Grunde, dass die Verschiebung des passiven Skelettsystems die Basis für die Entwicklung der Skoliose ist und dass durch eine operative oder mechanische Einflussnahme (Training, Atlaskorrektur) die Skoliose eingegrenzt werden kann. Aber in keinen der aufgeführten Fälle stellt man die Frage nach dem WARUM.


Medizinische Definition der Skoliose

Die skoliotische Wirbelsäule unterteilt man in Hauptkrümmungsbögen und Ausgleichskrümmungsbögen. Die Hauptkrümmungen sind die Krümmungen mit dem stärksten Ausmaß. Sie sind durch strukturelle Veränderungen gekennzeichnet, welche sich in Teilfixierungen des betroffenen Wirbelsäulensegments und durch Verlust der vollständigen Aufrichtbarkeit sichtbar werden. Die Ausgleichskrümmungen haben ein kleineres Ausmaß und kompensieren die Hauptkrümmungen, so dass ein skoliotisches Gleichgewicht entsteht.

Es können verschiedene Krümmungsmuster entstehen, je nach Lage unterscheidet man folgende Gruppen:

Lendenwirbelsäule,

Das äußere Erscheinungsbild einer Skoliose kann sich wie folgt zeigen:



Beschwerden:


Obwohl die Skoliose zu den am längsten bekannten orthopädischen Leiden gehört, gibt es keine genauen Zahlen über die Häufigkeit. Die durchschnittliche Angabe liegt zwischen 3% - 4%. Nach meiner Meinung liegt die Zahl aufgrund von Bewegungsarmut und Fehlhaltungen, um ein vielfaches höher. Bei jeder körperlichen Problematik egal ob Kalkschulter oder Hüftdysplasie etc. ist auch immer die Wirbelsäule mitverschoben. Die orthopädische Sichtweise führt aber nur zu einer lokalen Analyse und Diagnostik (MRT, Röntgen, Abtasten) und damit zu dieser viel zu geringen Einschätzung der Häufigkeit der Skoliose. D.h. würde bei jeder Gelenksproblematik eine ganzheitliche Analyse des Skelettsystems durchgeführt, dann hätte sich die folgende Erkenntnis schon längst durchgesetzt:

Eine lotgerechte Wirbelsäule ist äußerst selten – die Skoliose ist die Norm.


Muskulärer Erklärungsansatz für die Entwicklung der Skoliose

Nimmt man aber die medizinische Erklärung zur Skoliose heran, kann man aus meiner Sicht ein Teil der Skolioseentwicklung beantworten, warum es zur Entwicklung von dieser Art von Wirbelsäulenverschiebungen kommt.

Nur der Schwerpunkt darf nicht auf die Hauptkrümmung gelegt werden (außer bei der C – Skoliose), sondern es muss der Verbindungsfunktion der Wirbelsäule (senkrechte Achse) zu den beiden waagerechten Achsen (Schulter und Becken) in Mittelpunkt der Betrachtung gestellt werden. Die Wirbelsäule als senkrechte Achse verbindet die beiden waagerechten Körperachsen und reagiert auch dementsprechend auf Verschiebungen und Verdrehungen dieser beiden Achsen. Wenn sie bspw. ihre rechte Schulter nach oben ziehen, dann wird sich ein Teil der Brustwirbelsäule mit in die Richtung bewegen. Der gleiche Aspekt passiert, wenn sie die Schulterachse verdrehen, dann bewegt sich ein Teil der Brustwirbelsäule wieder mit. Ähnliche Reaktionen werden sie feststellen, wenn sie lokale Bewegungen des Beckens ausführen – Verdrehung nach links dorsal – Wirbelsäule ebenfalls nach links. Die Basis für die Verschiebungen der Wirbelsäule ist in beiden Fällen die muskuläre Verbindung zischen den waagerechten Achsen und der Wirbelsäule.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Körper die einseitigen Verschiebungen der waagerechten Achsen durch Krümmung und Gegenkrümmung der Wirbelsäule kompensiert und so ein skolioseartiges Gleichgewicht entsteht. Obwohl die Wirbelsäule sich nicht mehr lotgerecht darstellt, können die Menschen immer noch aufrecht laufen. Doch die Freiheitsgrade der Bewegungen sind eingeschränkt. Der eine kann nicht mehr ausreichend tief in die Hocke gehen, der nächste verspürt ständig einen Druck auf der Brust und hat Atemschwierigkeiten, beim nächsten wiederum kann das Bücken nach ventral eingeschränkt sein und die Freiheit der Bewegung einiger Wirbelsäulenabschnitte nimmt ab. Diese verschiedenen Einschränkungen entstehen meist schleichend, genauso wie die Ausprägung der Skoliose.

Doch wie findet man eine Erklärung, obwohl es heute kaum noch ausgeprägte einseitige Tätigkeiten im Beruf oder Freizeit gibt, wenn bei Kindern schon Skoliosen auftreten oder wenn Skoliosen sich bei Erkältungen verstärken und im ausgeheilten Zustand verschwinden.


Der muskulär–organische Erklärungsansatz

Das Skelett, einschließlich der Wirbelsäule, zählt man zu den passiven Strukturen des Bewegungsapparates. D.h. erst durch eine aktive Beeinflussung der Muskeln und inneren Organen wird eine Bewegung des passiven Skeletts möglich. Das Skelett selber hat tragende und Distanz haltende Funktionen, aber ohne Aktivierung durch die Muskeln wird keine Bewegung möglich sein, egal ob auf bewusster oder unbewusster Ebene. Die Organe sind eingebettet im Bindegewebe, Muskeln gehen über in die Sehnen und beide aktiven Strukturen sind am Skelett befestigt.

Die aktiven Strukturen erhalten ihre Impulse über das Nervensystem und reagieren durch eine Spannungsanpassung (Muskeln, Organe), Längenänderung (Muskeln) und Funktionsmodellierung (Aktivität vs. Verdauung; Leistung vs. Regeneration) auf die versendeten Impulsfrequenzen. Die sogenannte Grundspannung des Körpers zeigt sich einerseits in einer gefühlten Ganzkörperspannung und andererseits in differenzierten Anpassungen der Muskeln und Organe. Erfolgt diese körperliche Anpassung harmonisch zwischen den Polen der Anspannung und Entspannung, ist das Ergebnis Ausgleich und Harmonie zwischen den agonistisch und antagonistischen Muskelgruppen und in einem stetigen Wechsel der leistungsbestimmenden und entspannenden Körperfunktionen. Das Verlassen dieses harmonischen Verhältnisses wird zu einseitigen Anpassungen des Spannungs- und Längenverhältnisses kommen und ein Funktionskomplex an Aufgaben wird überwiegen. Je größer die Leistungsanforderung an den menschlichen Körper gestellt wird, umso stärker werden sich einseitige Anpassungen im muskulären und organischen Bereich ausprägen. Muskuläre Dysbalancen, Fehlhaltungen und symptomatische Beschreibung von organischen Fehlfunktionen zeigen deutlich auf, dass die gesundheitliche Basis verloren gegangen ist.


Die Skoliose ist auch eine symptomatische Anpassungsreaktion an einseitige Reize, die in der körperlichen Steuerung zur Gewohnheit geworden ist. D.h. organische und muskuläre einseitige Anpassungen prägen die Qualität der Skoliose. Die meisten Anpassungsvorgänge finden auf der unbewussten vegetativen Ebene statt. Spannungssteigernde hormonelle (bspw. Adrenalin) und nervale (Sympathikusaktivierung) Impulse werden zu einseitigen Funktionsanpassungen der Muskeln und Organe führen und nachfolgend die Skoliose ausprägen. Beispiel gefällig….

Eine Person hat Bluthochdruck.

  1. Unter dieser symptomatischen Bedingung wird die rechte Schulter höher stehen als die linke. Die Brustwirbelsäule verschiebt sich nach rechts und Hals- und Lendenbereiche der Wirbelsäule werden sich nach dem Spannungs- und Gegenspannungsprinzip nach links verschieben. Das Ergebnis ist ein skolioseartiges Gleichgewicht.

  2. Ausgangspunkt für das Hochstehen der rechten Schulter ist eine organische Mehrbelastung (Fehlsteuerung) von Lunge und Leber. Vergleichen sie die Spannung unterhalb vom Zwerchfell zwischen der rechten und linken Seite. Die rechte Seite wird sich deutlich härter anfühlen (Leber). Wenn jetzt die Person deutlich tief einatmen soll, dann wird sich die Schulterachse nach oben bewegen, wobei auf der rechten Seite eine stärkere Verschiebung feststellbar ist (Maß – Schulterblattecke), denn die Lungenbewegung trifft auf eine verspannte Körpermitte (Zwerchfell – Leber) und weicht dem organisch – muskulären Widerstand aus. Die Bewegung der Lungen bei der Einatmung findet dadurch nicht in den Bauch sondern zur Schulterachse statt.

  3. Die Fehlsteuerung basiert auf einer vermehrten hormonellen Ausschüttung von Adrenalin (Steigerung der Pulsfrequenz) und Aldostoron (Steigerung des Blutdrucks) in alltäglichen Lebenssituationen, die vom Körper als Herausforderung (Kampf) interpretiert wird. Dadurch verändert sich u.a. die Stoffwechsellage im Körper – je höher die Leistungsanforderung wird, umso mehr Kohlenhydrate wird in den Zellen verbraucht. Der schnelle Verlust der Glykogenspeicher in den Zellen kann durch die in der Leber gespeicherten Glykogene ausgeglichen werden. Die Ausschüttung der Zuckerbestandteile aus der Leber führt automatisch auch zu einer Aktivierung der Pankreas (Insulin), um den ausgeschütteten Zucker zu transportieren. Gewöhnt sich der Körper an diese veränderte Stoffwechsellage (mehr Zucker, weniger Fett), dann wird sich die Region rechts unter dem Zwerchfell hart anfühlen.

  4. Andere symptomatische Reaktionen bei diesem Verspannungsmuster sind u.a. Gewichtssteigerung, erhöhter Cholesterinspiegel, Atmungsprobleme, fehlende Entspannungsfähigkeit und Depressionen. Die reduzierte Nutzung der Fette als Energieträger veranlasst den Körper im Rahmen einer Vorratswirtschaft, diese einzulagern. Je stärker die Spannung in den Zellen steigt, kommt es zu Verletzungen an der Zellmembran. Abgebaut werden Eiweiße und Cholesterin. Der Cholesterinspiegel steigt und das Plasmaeiweiß im Blutplasma vermehrt sich. Eine flache Atmung führt zu der unter 2. beschriebenen Anpassung. Depressionen beruhen auf serotonalen und/oder noradrenalen Systemstörungen und stehen in einer engen Gegenwirkung zur Aktivierung der Leber durch das Adrenalin und der nachfolgenden nicht ausreichenden Entspannungsfähigkeit im vegetativen Nervensystem.


In all diesen beschriebenen Fällen wird die rechte Schulter hochstehen, die Brustwirbelsäule verschiebt sich nach rechts und die beiden anderen Anteile der Wirbelsäule (cervical und lumbal) nach links. Verändert man ergo die Ansteuerung auf die Organe und Muskeln wird sich die Wirbelsäule neu „bespannen“ und ausrichten. Letztendlich verliert die Skoliose ihren „Schrecken“, wenn man versteht, dass sie ein Sinnbild einer einseitigen Körpersteuerung ist und die Ansteuerung der aktiven Strukturen der Ausgangspunkt für die Ausprägung der Skoliose ist.


Der nächste Artikel wird sich mit den Auswirkungen der einseitigen Steuerung auf die zweite waagerechte Achse (Becken) und nachfolgend auf die Wirbelsäule beschäftigen. Schließlich werden die trainingsbedingten Schlussfolgerungen dargestellt.


Literatur:

A. Gottlob: Differenziertes Krafttraining, Urban und Fischer Verlag 2001.

I. Froböse, C. Wilke: Bewegung Und Training – Medizinische Trainingstherapie, Urban und Fischer Verlag 2002.

Teil 2: Voraussetzungen für ein Ausgleichstraining, um funktionelle ganzheitliche Bewegungen zu ermöglichen (Dr. Göran Semper)

Zusammenfassung aus dem 1. Teil

Die Veränderung der Arbeitswelt

Den mechanischen Grundbelastungen der letzten Jahrtausende hat sich ein neuer körperprägender Einfluss herauskristallisiert, der umgangssprachlich als Stress (psychosomatischen) bezeichnet wird. "Lebensstress" gab es schon immer, nur die Ausprägung hat eine neue Qualität erreicht. Stress bedeutet eine gefühlte und erlebte Spannung, mit der Man(n) und Frau sein/ihr Leben meistern. Diese Spannung bietet Schutz (Abstand zu anderen Körpern), hält den Körper zusammen (Bindegewebsspannung) und ermöglicht die biochemischen Vorgänge der Energie- und Baustoffversorgung. Aber lokale Überspannungen führen zu Bewegungseinschränkungen an den Gelenken, zur Fehlsteuerung von Körperfunktionen und tragen zu einem minimierten Zellschutz bei (Störung der Kalium- Natrium - Pumpe).

Entwicklung von Bewegungsmustern

Ausgehend von den agonistischen und antagonistischen Muskelstrukturen entwickelt sich eine Dominanz der beugenden Grundbewegung (sitzende Tätigkeit, Feinmotorik, erhöhte Aktivierung des Bewusstseins) heraus und eine sympathische Dominanz der Körpersystemaktivierung. Die konsequente Ausprägung dieser beiden Faktoren trägt zu einer Veränderung der Bewegungsabläufe bei.

Spiegelbilder dieser Veränderung sind unrhythmische - nicht harmonische Bewegungen im Rahmen einer einseitigen Achsenbeanspruchung (nicht lotgerecht in Bezug auf die senkrechte Körperachse, keine parallele Ausrichtung der waagerechten Körperachsen) und dazu begleitend Gelenkseinschränkungen.

In der Summe entwickeln sich "zivilisierte" Grundbewegungen,

Die Veränderung der Ansteuerung führt zu neuen Bewegungsschwerpunkten. Gelenke, die mehr für lineare Bewegungen beim Gehen ausgelegt sind - rotieren und andere wiederum werden umfunktioniert zu eindimensionalen pendelnden und linearen Bewegungen.

Beispiel: Betrachtet man die Bewegungsabläufe der unteren Extremitäten beim Gehen, dann vereinen die Fußgelenke (rotierende Funktion) die Knie- und Hüftgelenke (lineare Funktion) zu einem Gebilde, wo eine gleichmäßige Belastung der unteren Extremitäten ermöglicht wird. Ein funktioneller Fuß ermöglicht auf der Basis einer spiralförmigen Abfolge von der Ferse zum Ballen eine gleichmäßige Kräfteverteilung (Vier Punkt Abfolge der Fußmotorik). Diese rotierende Kraftverteilung wird dann von den pendelnden linear wirkenden Gelenken des Knies und der Hüfte in Vortrieb umgewandelt. Eine mechanische Einschränkung der Funktionsfähigkeit des Fußes reduziert die gleichmäßige Kräfteverteilung. Diese mehr wippende Bewegung trägt zu einer Funktionsumwandlung an den vorgeschalteten Gelenken bei. Die Knie- und/oder die Hüften bewegen sich nicht nur linear sondern sie fangen auch an (meist einseitig) zu rotieren. Die Bewegung findet dann mehr in die Seitbewegung als in die Vorwärtsbewegung statt. Im Resultat wird die Gehgeschwindigkeit reduziert und die Gelenke an den unteren Extremitäten punktuellen mechanischen Mehrbelastungen ausgesetzt.

Das veränderte Gangbild erinnert dann mehr an das eines Kamels (Wüstenschiff), welches seitlich hin und her pendelt. Menschen, bei denen dieses Gangbild auftreten, haben in der letzten Konsequenz immer Probleme mit den Gelenken an den unteren Extremitäten.

Anmerkung: Crosstrainer, ein gern verwendetes Trainingsgerät um seine ausdauernde Fitness zu verbessern, fördert genau diese Entwicklung. Die fehlende rotierende Funktion in den Fußgelenken (durch die Fixierung des Fußes bzw. eine Teil des Fußes auf der Platte) fördert die Ausprägung einer rotierenden Bewegung im Knie bzw. Hüftbereich. Mögliche Symptome dieser veränderten Bewegungsabfolge können kribbelnde (eingeschlafene) Füße wie auch Knie, Hüft- und Rückenschmerzen sein.

Die Informationen zu den antrainierten Bewegungen werden in den Spindeln und Ganglien (Rezeptoren) der aktiven Gewebsstrukturen gespeichert. Prinzipiell werden die Spannungsinformationen in allen Ganglien der Organe und in den Sehnenspindeln gespeichert. Zusätzlich werden die mechanischen Längenanpassungen in den Muskelspindeln als Information abgelegt. Aufgrund der angepassten Rezeptoren durch sie sensorische Anpassung an die alltäglichen Belastungen, finden die körperlichen Bewegungen unter der Aufsicht der Rezeptoren statt. Die angepassten Rezeptoren stecken den Rahmen ab für die Bewegungsabfolgen zwischen den Gelenken (Gewohnheiten). Überschreitet die Bewegung diesen angepassten Rahmen, dann wird der Körper mittels Signale bzw. Emotionen (Schmerz, Unwohlsein, Unsicherheit) diese Überschreitung anzeigen. Eine ständige Überschreitung führt zu Neuanpassungen der Rezeptoren.

Bleibt dagegen die Bewegung in ihren gewohnten Bewegungsabläufen, werden die Muskelfasern aufgrund der regelmäßigen Frequenz ausgeprägt. Hohe Frequenzen tragen zu einer Aktivierung der FT - Fasern bei und zu einem verstärkten Kohlenhydratstoffwechsel (erhöhte Wassereinlagerung, maximalkräftige Ausprägung). Bei niedrigen Frequenzen ist die Aktivierung der ST - Fasern ausgeprägt mit einem verbesserten Fettstoffwechsel. D.h. je nach Ansteuerung wird die Qualität der Energieeinlagerung definiert. Mechanische und vegetativ gesteuerte Ansteuerungen bei einseitigen Belastungen führen zu einer einseitigen Ansteuerung der Muskeln (muskuläre Dysbalancen) und zu organischen Überspannungen.

muskulär - organische Verbindungen

Im Ergebnis verlernen die Muskeln und Organe nachzugeben, wenn sie es unter funktionalen Gesichtspunkt müssten. Die Bewegungsabfolgen müssen dann auch innere Widerstände überwinden, die sich meist gleichmäßig über den Körper erstrecken. Diese Widerstände sind fühlbar (organisch-muskuläre Widerstände), sichtbar (axiale Verschiebungen), tast- und testbar (Bewegungseinschränkungen an den Gelenken).

Körperfunktionen veränderen sich. Aus der Bauch- Rücken - Atmung wird eine Brustkorbatmung (verspanntes Zwerchfell). Die parasympathische Untersteuerung führt zu organischen Mehrbelastungen des Darms. Aufgrund der Einbettung des Darms in die Bindegewebsstrukturen entwickelt sich eine Verschiebung der Beckenachse. In der Folge werden alle senkrechten Körperachsen (Wirbelsäule, Beine, Arme) aus der axialen Belastung herausgedreht bzw. verschoben. Dadurch kommt es zu einseitigen Beanspruchungen der Skelettmuskeln und zu hypertrophen bzw. hypotrophen Reaktionen.

Bei einem vegetativ angepassten Körper (Gegensatz mechanische Anpassungen) bilden die organischen Anpassungen eine stabile Grundlage für die Fehlbewegungen. Die Muskeln sind die nachfolgende Reaktion auf die Achsenverschiebungen. Die Antwortreaktion geht also von innen nach außen (bzw. von der Körpermitte in die Peripherie). Dagegen zeigen Körper die regelmäßigen mechanischen Reizen ausgesetzt sind, Anpassungsreaktionen von den Muskeln auf die Organe (meist von außen nach innen Peripherie zur Körpermitte).

Beispiel:

Die Schulterachse verschiebt sich nach oben und hinten (Schulterschiefstand) durch eine antrainierte Fehlatmung. Daraus entwickelt sich ein Rundrücken, weil die Lungen verstärkt gegen die Rippenbögen gedrückt werden. Um den Blick nach vorn zu gewährleisten, muss der Kopf nach vorn geschoben werden. Gleichzeitig passt sich die Wirbelsäule (senkrechte Achse) den Reizungen der waagerechten Achsen an (Schulterachse, Beckenachse). Das Ergebnis ist ein skolioseartiges Gleichgewicht. Aufgrund der Dreidimensionalität jeder Achsenverschiebung kommt es zu lateralen und rotierenden Achsenverschiebungen, die sich in der Summe auch auf die Extremitäten auswirkt. Die Verformung des Skeletts durch die einseitigen Reizungen und die Fehlspannungen der aktiven Körperstrukturen tragen zu einer Verstärkung von unrhythmischen Bewegungen bei.

Im Rahmen dieser Symbiose wird der Bewegungsapparat seine Leistung und seine Mobilität absolvieren. Je weiter der Körper sich von den Achsen verschiebt, umso aufwendiger wird die Leistungserbringungen (wenige Muskeln müssen viel Leisten) sein, die Erholungszeit verringert sich und die Mobilität der Gelenke wird eingeschränkt (keine vollständige Bewegungsamplitude mehr möglich).

Wege zu einem ausgeglichenen An- und Entspannungsverhalten

Die Lebensphilosophie liegt in einem ausgeglichenen An- und Entspannungsverhalten im Rahmen der Körpersteuerung und sich damit eine wichtige Grundlage für eine gesunde Lebensführung. Nur durch das Ausleben beider Seiten wird eine aktive Lebensweise gefördert, aber die Regeneration nicht vernachlässigt.

Wohlfühlen und sich in alle Richtungen (kombinierte Körperachsenbewegungen) bewegen zu können sind in der Sportwissenschaft ebenso Gradmesser einer gesunden Lebensweise wie auch die Leistungsfähigkeit des Körpers und die Mobilität. Alle Aspekte bedürfen eines ausgeglichen Spannungszustands der aktiven Gewebsstrukturen in einem temporären Kontext. Spannungsgebende Faktoren benötigt das körperliche System, um aktiv eine Leistung abzurufen und die Entspannung für eine gut ausgeprägte Verdauung und Regeneration.

Die Überfrachtung unserer alltäglichen Lebensplanung, die vermehrten Leistungsanforderungen im Beruf und die Eindimensionalität bzw. Reduzierung von Bewegungen tragen zu einer besorgniserregenden Entwicklung in der Gesellschaft bei, wo psychosomatische Krankheitsbilder sich vermehrt ausprägen und Gelenksprobleme sich über den gesamten Körper erstrecken, obwohl die körperlichen Beanspruchungen weiniger werden.

1. Reizung durch Bewegung

Die ständig versendeten und ankommenden Frequenzen über das Nervensystem versetzen den Körper in einen Grundzustand der elektrisch über Spannung der Muskeln und mechanisch über die Länge (Bewegungsamplitude) gemessen wird.

Dehnung oder maximale Kontraktion eines Muskels können zur Verbesserung der Beweglichkeit der Gelenke eingesetzt werden. In einigen Artikeln der letzten Jahre, wo es um das Thema "Beeinflussung der Beweglichkeit" ging, wurde vor allem die Differenzierung - ob Dehnung oder maximale Kontraktion - in Bezug auf das Ausgangsniveau der Muskeln getroffen. So sollten die verspannten Muskeln (vor allem Beuger) mittels maximaler Kontraktion durch die Aktivierung der Sehnenspindeln in ihrem Spannungs-Längenverhältnis neu balanciert werden. Die erzeugte Information bedeutet Spannungssenkung.

Durch das Ansprechen der Sehnenspindeln wird der Gamma-Reflexkreis angesprochen und nachfolgend über das Rückenmark die Gamma - Motoneurone. Diese Gammamotoneurone befinden sich wiederum an den Muskelspindeln und aus dem Grund werden auch die dazugehörigen Muskelspindeln neu programmiert. Sowohl die Sehnenspindel (Spannungsmodellierrung -senkend) als auch die Muskelspindel (Längenanpassung nachgebend) haben danach neue Schwellenwerte.

Dagegen müssen die nachgebenden Muskeln (vor allem Strecker) mittels Dehnung neuen anspannenden Impulsen ausgesetzt werden (Spannungssteigerung). Denn durch die Aktivierung der Muskelspindeln (bei gedehnten Muskel) kommt es durch die Aktivierung des Alpha-Reflexkreises zu einem Kontraktionsimpuls auf den gedehnten Muskel. Im Ergebnis wird die Kontraktionsspannung verstärkt. Auch in diesem Fall wird die Länge des gedehnten Muskels neu eingestellt. Denn durch die verstärkte Kontraktion (Spannung) wird die Muskellänge verändert. Das Spannungs-Längenverhältnis wird auch in diesem Fall neu modelliert.

Beachtet man aber nicht den Spannungszustand des Muskels, dann bekommen bspw. verspannte Muskeln mittels Dehnung einen noch höheren Impuls zur Kontraktion und das Spannungs-Längenverhältnis wird noch stärker in ein Ungleichgewicht gebracht oder das Ungleichgewicht wird erhalten. Dieses Nichtbeachten des Ausgangszustandes des Muskels führt leider heute noch zu der gängigen Praxis, dass verspannte Muskeln wie Nackenmuskeln (M. levator scapulae, M. trapecius pars descendes) oder die hüftbeugende Muskulatur immer noch gedehnt werden.

Wichtig - Diese Vorgänge der Muskelmodellierung finden automatisch auf der vegetativen Ebene des Nervensystems statt. Die Einseitigkeit von körperlichen Reizen prägt die Dominanz einzelner Muskeln oder Körperregionen.

Achtung Dehnung!

Aber man kann auch mittels Dehnung verspannte und verkürzte Muskeln in einen balancierten Zustand bringen. Doch dazu bedarf es einer gewissenhaften "Vorbereitung" des Körpers, um den Dehnungsimpuls sinnvoll wirken zu lassen. Um diesen Vorgang zu verstehen muss man den Mechanismus der Alpha - und Gamma Reflexkreise noch einmal unter die Lupe nehmen.

Das Alphamotorische System beginnt im Cortex, ist eng verbunden mit den bewussten Empfindungen im sensorischen Cortex, steuert die Skelettmuskulatur und reagiert auf die bewussten Befehle. Das Gammamotorische System hat seinen Anfang tief in den älteren Regionen des Gehirns, ist mit älteren Regionen der Sinneszentren verbunden, die keine bewussten Empfindungen auslösen (Hirnstamm), kontrolliert die Länge der Muskelspindeln (Gamma - Motoneurone) und arbeitet vorwiegend unterhalb der Ebenen der bewussten Wahrnehmung.

Die Reaktion über das alphamotorische System - Rückenmark - Alpha - Motoneurone ist die Innervierung der Skelettmuskeln - sprich An- oder Entspannung. Die Folge ist eine muskuläre Veränderung der Länge der Skelettmuskeln über die Alpha - Motoneurone.

Und an dieser Stelle setzt man das Bewusstsein ein, um den Datentransfer über die Alpha - Motoneurone auf die Muskelspindeln zu verändern (siehe auch den nächsten Artikel).

Grundlegend führt ein geringerer Datentransfer zu einer geringen sprich späteren Aktivierung der Muskelspindeln und ein hoher Datentransfer zu einer zeitnahen, schnellen und intensiven Aktivierung der Muskelspindeln.

Die Reaktion auf eine Aktivierung der Muskelspindel ist die Kontraktion des Muskels - Schutzmechanismus vor Überdehnungen. Ein ständig hoher Datentransfer (Distress, einseitige Musterausprägung) führt zu einer Verkürzung des Muskels unter erhöhter Anspannung. Damit der Dehnungsreiz auf verspannte Muskeln nicht kontraproduktiv wird, muss mittels der bewussten Steuerung über den Cortex, Impulse in den Körper verschickt werden, die zu einer Senkung des hohen Datentransfers beitragen. Atemtechnik, progressive Muskelentspannung oder autogenes Training führen zu einem deutlichen Absenken der Datenübertragung. Diese mentale bzw. atemgesteuerte Senkung führt allgemein zu einer Spannungssenkung. Dadurch wird die Wahrnehmungsschwelle der Muskelspindeln verschoben. Sie sprechen aufgrund der geringeren Datenmenge später an. Wenn sie dann in die Dehnungsposition gehen, werden die Muskelspindeln später (sprich - größerer Gelenkswinkel) aktiviert und ein neuer Längenzustand in den Muskelspindeln wird gespeichert. Im Ergebnis wird die Bewegungsamplitude des Gelenks größer.

Schlussfolgerung. Beide Wege maximale Kontraktion und Dehnung führen bei verspannten Muskeln zu einer positiven Beeinflussung. Aber wenn man grundlegend die Dehnung als probates Mittel zur Beweglichkeitsverbesserung einsetzt, müssen intensive Vorbereitungen getroffen werden, um durch die bewusste Steuerung einer Spannungssenkung die Aktivierung der Muskelspindeln heraus zu zögern. Dieses Training bedarf Erfahrung, Ruhe und einen erhöhten Zeitaufwand. 15 - 20 min. müssen im Vorfeld vor der Dehnung investiert werden, um das "Kopfkino" abzuschalten und den Datentransfer zu reduzieren, um danach mittels Dehnung die Muskelspindeln neu zu programmieren.

Dagegen findet bei Beachtung der Reaktion der Sehnen- und Muskelspindeln und dem entsprechenden Ausgangsniveau der Muskeln (verspannte vs. nachgebende Muskeln) die Reaktionen über die Alpha - und Gammareflexkreise automatisch statt. Die richtige Information

wird zu einer Balancierung der Muskeln beitragen und damit die Gelenksbeweglichkeit verbessern. Der große Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, dass diese Vorgänge immer - automatisch - ohne Vorkenntnisse stattfinden und sie bedürfen keiner langen Vorbereitung wie beim Einsatz der Dehnung als Trainingsmethode zur Beweglichkeitsverbesserung. Durch diese balancierten Muskeln können Bewegungsabfolgen neu entwickelt werden, die schon längst verloren gegangen waren. Die Angst vor dem Bewegen kann dadurch genommen werden und egal ob sie dynamische Übungen (siehe 1. Artikel) oder statische Übungen (aktueller Artikel) oder durch Einsatz von bewussten Informationen, verwenden, die Bewegungen werden rhythmischer und leichter.